Vielleicht ist die bessere Frage: Warum eigentlich schon?

Ein pointierter Gedanke über Kinderwunsch, Verantwortung und gesellschaftliche Erwartungen. — 29.04.2026, Dieter Wiemkes —
Eine erstaunlich selbstverständliche Frage. Bei der ein „Wir wollen keine“ fast automatisch die zweite Frage „Warum nicht?“auslöst
Vielleicht lohnt es sich, die Richtung einmal umzudrehen.
Warum eigentlich schon?
Nicht als Provokation, sondern als ernst gemeinte Frage.
Denn ein Kind zu bekommen ist eine der folgenreichsten Entscheidungen überhaupt – für das eigene Leben und für das eines Menschen, der noch gar nicht gefragt werden kann.
Und trotzdem wirkt es oft, als bräuchte ausgerechnet diese Entscheidung die wenigsten Erklärungen.
Ein Wunsch scheint zu genügen.
Natürlich ist dieser Wunsch nichts Ungewöhnliches. Er ist menschlich, tief verankert und kulturell geprägt.
Aber seit wann reicht das allein als Begründung aus?
Außerdem entscheidet der Kinderwunsch nicht nur über das Leben eines künftigen Kindes. Er greift auch tief in das Leben des Menschen ein, der diesen Wunsch mittragen soll – vielleicht aus Liebe, vielleicht aus Loyalität, vielleicht trotz eigener Zweifel.
In vielen anderen Bereichen wägen wir ab, vergleichen und zweifeln. Hier hingegen genügt oft ein Gefühl – und wer keines hat, muss sich erklären.
Das ist zumindest bemerkenswert.
Vielleicht liegt es daran, dass der Kinderwunsch selten wirklich hinterfragt wird. Nicht aus Nachlässigkeit, sondern weil er so selbstverständlich erscheint.
Und genau darin könnte ein blinder Fleck liegen.
Denn so unterschiedlich die Motive auch sind – sie haben fast immer auch mit uns selbst zu tun: mit dem Wunsch nach Nähe, nach Bedeutung und nach einem Leben, das sich „richtig“ anfühlt.
Das macht sie nicht falsch. Aber es macht sie erklärungswürdig.
Vor allem, wenn man bedenkt, in welcher Welt diese Entscheidung getroffen wird.
Eine Welt, die sich schnell verändert. Eine Welt, die viel verlangt. In der wir selbst oft nicht genau wissen, wie wir uns verorten sollen.
Daher ist vielleicht eine Frage erlaubt, die selten laut gestellt wird:
Reicht unser Wunsch aus, um einem – oder sogar zwei – anderen Menschen dieses Leben zuzumuten?
Nicht als Vorwurf, sondern als Gedanke.
Denn wer sich gegen Kinder entscheidet, trifft diese Entscheidung in erster Linie für sich selbst. Wer sich hingegen für Kinder entscheidet, trifft diese Entscheidung auch für jemand anderen.
Diese Asymmetrie wird erstaunlich selten thematisiert.
Oft bleibt es bei der Annahme, dass es „schon richtig“ sein wird.
Vielleicht stimmt das. Vielleicht auch nicht.
Auffällig ist jedoch, dass Zweifel an dieser Entscheidung schneller irritieren als die Entscheidung selbst.
Und vielleicht ist genau das der eigentliche interessante Punkt.
Nicht die Frage, ob man Kinder haben sollte oder nicht. Sondern warum die eine Entscheidung so selbstverständlich ist und die andere so oft erklärt werden muss.
Und gleichzeitig weiß ich, wie widersprüchlich all das ist, denn ich habe selbst einen Sohn. Einen Menschen, auf den ich stolz bin. Bei dem vieles gut gegangen ist – vielleicht sogar sehr gut.
Aber genau deshalb stelle ich mir eine unbequeme Frage: War das eine gute Entscheidung – oder war es auch ein Stück weit Glück?
Ich bin mir da nicht so sicher.
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